Kapeiken - Rock O' Koma 10.02.2020 - von Simi Dörig

Manowar, die Gefolgschaft des Rings und eine asoziale Bardentruppe gehen in die Schänke, saufen und Prügeln sich ins Rock O' Koma!

Cover

Die Kapeiken, laut Google im Ruhrgebiet ein Synonym für Asoziale, sind eine Bardentruppe aus Hamburg, die 2012 von Fistus Famos gegründet wurde.
Anfänglich noch als Trio unterwegs, gab es diverse Besetzungswechsel, auf die ich hier nicht näher eingehen will, da ich die Truppe erst Ende 2019 per Zufall kennen gelernt habe.

Sie selbst ordnen sich als Fantasy Bardentruppe ein, was thematisch wie auch musikalisch ziemlich die Axt in den Orkschädel trifft. Gekleidet wie der Adel im Rokoko Stil des 18. Jhdt., mit Perücken, aufgetakelter Schminke und dem Rüschen Zeugs, sehen sie zuerst einmal aus, als hätte man sie direkt aus einem Mozart Konzert gerissen. Also ich hoffe die Mode Datierung stimmt, ich kann von Antike bis Spätmittelalter zuordnen, der ganze vornehme Renaissance Fummel hat mich aber immer abgeschreckt.

Doch geht es hier ja eher darum, wie das Sextett klingt und nicht wie es aussieht:
- Das Sprachrohr des Haufens ist Fistus Famos, der als exzentrischer Frontmann und Gründer die meiste Aufmerksamkeit der Bühne in sich aufbläst.
- Im Gegensatz dazu sitzt sein alter Jugendfreund Don Porno, weit hinten auf dem Cajon und wurde nach dem Liebe & Hiebe Album fester Bestandteil der Band, um trommelnd den Rhythmus der Truppe wiederzugeben.
- Der Multitalent Frauenmagnet Finnen, bediente Anfangs nur den Cajon, wurde dann aber schnell zu Djembe, Geige und Gesangsunterstützung abkommandiert, was ihn zur Universal Wunderwaffe macht.
- Lupulus Humulus stiess alsbald auch als Bassisten Ersatz von Knick Knack dazu, bedient somit den Kontrabass und gibt gelegentlich auch seine Stimme zur Verstärkung.
- Die tragische Dauerwittwe Miss Geschick (dazu später mehr), nimmt mit ihrem Gesang eine prägende Rolle in den Liedern ein. Als gelernte Opernsängerin übernimmt sie die melodischen Background Vocals um Fistus, was den Kapeiken ihren eigenen Stil verleiht, kann aber auch als Hauptsängerin zu neuen Höhen herauf Trällern.
- Das neuste Mitglied der Truppe und bei der Produktion des Albums 2018 noch nicht dabei, ist Femme Fatale, die auf Wunsch von Miss Geschick als zusätzliche Female Voice geholt wurde. Dazu bedient sie auch stellenweise noch Ukulele und Gitarre.

Die ganze, ziemlich witzige Geschichte der einzelnen Personen, könnt ihr hier auf ihrer Webseite nachlesen.

So begab es sich im November 2019, dass es keine geringeren, drittklassigen Piraten Halunken als Mr. Hurley & die Pulveraffen, nach langen Jahren, die Lightning wieder zur Grenze der Schweiz geschippert haben. Zwar waren sie mehrmals am MPS Weil am Rhein, verfingen sie sich bei der letzten, eigenen Tour in die neutralen Gewässer, jedoch ein wenig mit unserer Marine (5h am Zoll) was ihre Leviathan Tour dann zwar an den Bodensee führte, jedoch mit Lindau auf der deutschen Seite verblieb.
Da ich die Wochen vor und nach Halloween, in einem Anfall von drohender Winterpausen Angst, durchgehend in Rüstung von Event zu Event unterwegs war, hatte ich komplett vergessen, mal die Vorband der Äffchen vorzuhören:
Entsprechend gross war also die Überraschung so eine geniale Live Show und Stimmung vor der Bühne zu erleben, doch Hurley hatte ja schon auf der Tortuga Tour mit MacCabe & Kanaka bewiesen, dass sie ein Händchen für „Anheizer“ Bands haben.

So bin ich am Ende des Konzertes direkt zum Merch Stand gepilgert, habe mit einem Euroschein in der Hand auf das Album-Kombox Angebot gedeutet und mit schon leichtem Lallen, dafür mit angenehmen Pfefferminz Atem (typischen Hurley Konzert), die unsterblichen Worte von Philip Jay Fry rezitiert: Shut up and take my money!

Drei Wochen durchsuchten der Musik später, stand ich ein wenig strammer auf den Beinen und vor allem Textsicher in München, für Hurley Saugnapferei Runde 2 und natürlich die Kapeiken!
Da ich leider aus Erfahrung weiss, wie schwer es als Schweizer ist kleinere Bands aus dem Norden zu sehen, wollte ich die Show einfach nochmal geniessen und habe mich infolge dessen auch entschieden, eine Review zu ihrem aktuellen Album zu schreiben, obwohl dieses schon 2 Jahre alt ist.

1. Hymne aus Stahl
Passend zum Manowar Style kommt eine Hymne mit epischem Intro.
Geführt von der Gitarre, begleitet von dem Kontrabass schreitet das Album ruhig daher und erhöht im Refrain zum Trab. Teller, Feldbett, Pferd und natürlich der Keuschheitsgürtel, für einen heroischen Krieger gibt es natürlich nur ein Material.
Aufzählungen mit der mehrstimmigen Betonung auf STAHL, dazu noch die weibliche Begleitung im Refrain, bieten eine gelungene Intro Hymne.



2. Tausend Monster
Die Powerballade mit mitwipp Zwang, betrauert mit Gitarre und markanter Männerstimme seine Freunde, die alle von ihm gegangen sind.
Man kann sich die einsame Gestalt am besungenen Lagerfeuer bildlich vorstellen, während die Schemen der Freunde in den Schatten des Abends Flackern,
Barbar im Streit über einen Lendenschurz erschlagen, Schurke von der befummelten Wirtin vergiftet, Ritter - tot. Mönch - tot, Hure - tot, alle tot!
Auch die Einbringung von Miss Geschick im Background und der Bridge gibt dem Song einen Abwechslungsreichen Touch.

Jetzt bin ich allein, so allein
Sitz allein am Lagerfeuer, singe über unsere Abenteuer
Es frisst mich auf, bin nicht gut drauf
Hab‘ tausend Monster erlegt, doch meine Freunde alle überlebt

3. Hypolykantroph
Mit Wolfsgeheul geht es mit Lykantrophie weiter, genauer gesagt mit einem Unterwerwolf: Hypo = unter, lýkos = Wolf, ánthrōpos = Mensch.
Auch die Booklet Seite ist düster gehalten, mit Fistus der den Mond anheult, wie man dem Band Tagebuch entnehmen kann.
Ein wenig düstere Stimmung, Gehechel, lang gezogenes Wooohooo und ein paar Anspielungen auf Haarwuchs, sowie Schwanzwedeln bei netten Fräuleins, geben dem Song seinen zweideutigen Charme.



4. Miss Geschick
Die Hymne von Miss Geschick, deren Männern leider immer ein kleines "Missgeschick" passiert, dessen Wortspiel ich sogar für die Kalauer gepflasterte Mittelalter Szene sehr gelungen ist.
Diesmal sind die Rollen vertauscht, während sie den Text singt, bringen die Männer ein Background Woohoho ein. Vor allem in Refrain härt man Ihre Opernsausbildung extrem heraus, was mir beim ersten Live Auftritt den einen oder anderen Schauer über den Rücken gejagt hat.
Bei so einer Kombo aus Ausstrahlung und Gesang kann man nicht wirklich Nein sagen als Mann, auch wenn man nicht lange bei ihr bleiben kann.

5. Schildmaid
Die Geschichte einer wahren Schildmaid, die derbe Kriegerin die säuft, schmatzt und sich bei jeder Gelegenheit prügelt. Gemütlich daher geträllert mit rhythmischem Refrain, der auch wieder weiblich begleitet wird.
Ein anderes Liebeslied für ein Weibsbild, das definitiv grössere Eier(Stöcke) als so mancher Kerl hat.

6. Feuerball
Rasant fliegt einem jetzt gleich eine Feuerkugel um die Ohren, definitiv der schnellste Song des Albums, bei dem auch die Gitarrensaiten glühen werden.
Der Nostalgie Nerd in mir, erinnert sich gut an Gothic 1, als ich aus Langeweile im alten Lager als Feuermagier Amok lief, denn der Titel hat es mir einfach angetan was ich noch Bildlich verwirklichen musste.

7. Nimmersatter Beutel
Weiter wird das D&D Herz beglückt, denn wer kennt schon nicht den Platzmangel während eines langen Raids?
Eher gemütlich werden diverse legendäre Gegenstände Aufgezählt und dann von Miss Geschick anzüglich mit:

Oh nein, oh nein, der ist zu gross, der passt hier gar nicht rein!

kommentiert. Vor allem Tolkien Fans werden einige der Sachen dabei erkennen, während der Song gemütlich vor sich her rockt.

8. Kapeikenaise
Zur Abwechslung darf Finnen mal an das Mikro und wird dabei von Trancas' Trabanten unterstützt, jedoch fehlt dabei komplett die weibliche Seite der Kapeiken.
Die andere Stimme sowie die Trompete bietet einen erfrischenden Wind, der seinen Rücken stärkt, während Er in sein nächstes Abenteuer marschiert. Bei diesem Ohrwurm sehe ich Finnen direkt vor mir, der Richtung Kamera läuft und jeder neu genannte Gegenstand, sowie die Truppe von Trancas, beim Erwähnen im Bild erscheinen.
Der Refrain zieht sich mit weiterer Ausrüstung und Begleitung in die Länge, bis unser mutiger Krieger für sein Abenteuer gerüstet ist.

Stiefel und Lederhose, elegant und rustikal
Ein Helm mit Rosshaarbusch, das hebt meine Moral
Für meine Rückendeckung „Hat er nun Personal“
Das Alukettenhemd*, statt Rüstung aus Stahl
Den Zauberstab der Heilung, der kann auch Feuerstrahl

Ach wie wunderschön, hab das Siegergen
Formation einnehm‘, allem widerstehen
Sie brennen sehn – ich liebe die Gefahr

9. Orklager
Für mich eher einer der schwächeren Tracks des Albums, gefangen im Orklager mit mit viel Stöhnen, Schreien und Qualen am Anfang.
Vor allem die sinnlichen „Oooh nein, aaah, ooh, aua “ Laute im Hintergrund während des Refrains, finde ich ein wenig sehr verstörend, auch wenn der Text ein paar witzige Stellen enthält.

10. Mein Schwert
Das Titellied des Albums, im Booklet abgebildet mit Miss Geschick die sich zärtlich an ein langes, hartes… Schwert lehnt. Die Zweideutigkeit platzt hier raus wie Gedärme aus einer Bauchwunde, mit genug Anspielungen, einem eingängigen Rhythmus und grossen Teilen einfach nur Schwertlauten wie: Hack, schnitz, peng und Schwing.

Kopf ab und dann weggetreten, magisch fünf und eilig sieben
Bonus auf mein Charisma, es heisst Stakkato und ist sehr schnell
Och gewann mit ihm bisher jedes Duell
Ich prügle meine Gegner ins Rock O‘ Koma

11. Weltherrschaft
Wir schreiten zum finsteren Teil der Scheibe, schon allein die erste Stopfe erinnert mich an die Story zum Game Overlord.
Helden manipulieren, Trolle akquirieren, Foltern, Abfackeln und Menschenfleisch für die Untoten Heerscharen, was braucht man mehr als fieser Obermacker?
Kein schlechter Song, jedoch auch nicht etwas herausragendes, wieder ein Zusammenspiel zwischen Gesang, female Background und langem Outro.

12. Endgegner
Für mich das Highlight, auch schon das erste mal Live, kommt dieser Song mit Energie daher und erzählt euch eine tragische Ballade.
Vom armen Kneipen Schlucker, zum unfähigen Heldentruppen Mitglied, bei einem kleinen Abstecher im Endgegner Dungeon per Zufall zur Legende geworden.
Durch Verehrung, Gram und Wein dann selbst zum Endgegner geworden und von der nächsten Heldengruppe getötet.
Sowohl der Sound leicht episch angehaucht, wirkt dann gegen Ende passend Düster und der Refrain war lang genug ein Ohrwurm. Leider fehlt im Booklet das Gesangs Solo von Miss Geschick, dass allem noch einen zusätzlichen Schub Wucht gibt.

13. Verbotene Liebe
Zum Schluss noch etwas direkt Schnulziges, ohne doppelten Boden oder Zweideutigkeit.
Gemütlich bei (vermutlich) Kerzenlicht bei romantischen Klängen, die Sehnsucht zwischen Frau Hauptmann und Soldat Heinrich, die sich näher kommen.
Im Zwiegespräch wie auch Duett wird das Leid der beiden bekannt, da sie an ihren Treueschwur gebunden sind und sich nicht trauen, obwohl sie beide das gleiche Empfinden. So Endet das Album sehr gemütlich mit einem Wehmutstropfen und ein wenig Melancholie nach all der Action.

Fazit:
Rock O' Koma ist ein Muss für jegliche D&D, LARP und Fantasy Fans, die eine musikalische Begleitung für die langen Abende suchen. Abwechslungsreich, Witzig, Ernst, Verrückt und Liebenswert, bietet das Album ein perfektes Zusammenspiel zwischen Renaissance und verschiedenen Gesangseinlagen, bei der vor allem der Einsatz von Miss Geschick herausragen ist.
Hier schlagen nicht nur Nerd Herzen höher und man könnte die CD ohne Probleme als Hauptquest Belohnung hinter den Thron des erschlagenen Overlords legen, von mir gibt es dazu auf jeden Fall 9/10 Schwerter!

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