Attracted by Goats - Haze Hope and Hell 30.12.2018 - von Julian

Die Zürcher Band Attracted by Goats verspricht mit ihrem Album Haze Hope and Hell nichts geringeres, als den Grunge wieder salonfähig zu machen und ihn neu zu interpretieren. Können sie dieses Versprechen halten? Lest selbst...

Als mich Drummer Zeno der Zürcher Grunge Band um ein Review bittet, muss ich zugeben, dass ich im ersten Moment etwas vor den Kopf gestossen bin. Die Anfrage trieft vor Selbstbewusstsein, vielleicht auch mit einer gewissen Unnahbarkeit und wirkt auf mich im ersten Moment etwas merkwürdig für eine typisch bodenständige Grungeband. Wie ein übergrosses Versprechen, vielleicht fast etwas arrogant, lesen sich Zeilen, die vom eigenen Album als «Meisterwerk» und von «deiner neuen Lieblings-Grungeband» sprechen. Das scheint mir etwas untypisch, aber nun wollte ich es natürlich erst recht wissen. Zeno schickte mir die CD und nun finde ich endlich die Zeit, mich mit Haze Hope and Hell auseinanderzusetzen.

Der erste Song Little Foot beginnt mit einem grossartigen Riff, welches durch Präzision aller beteiligten Musiker verlockend vorlegt. Fast etwas enttäuschend ist für mich das Erscheinen der Stimme von Sänger Nahuel. Fast bin ich geneigt seine Talente in Frage zu stellen, bis in der Hook und später im Song einige Lichtblicke seine wahre stimmliche Leistung zeigen. Ich merke, wie ich von Zeile zu Zeile mehr mit seiner Stimme warm werde. Musikalisch ist alles vom Allerfeinsten. Die Gitarren erinnern mit ihren Rhythmen und den Single Notes tatsächlich an alte Helden des Genres wie Pearl Jam und Alice in Chains. Besonders cool finde ich den Bass, der überall wie ein dröhnendes Donnergrollen die Atmosphäre auflädt und die Musik richtig fett klingen lässt. Erwähnenswert ist auch der starke Einsatz verschiedener Gesangsspuren, die sich gegenseitig ergänzen. Diese hohe Kunst haben Attracted by Goats tatsächlich gemeistert. Ich bin trotz meiner Skepsis schon am Ende des ersten Songs ziemlich beeindruckt.

Linear startet mit einem coolen Bassriff, dass mich leicht an den Sound von Rain when I die von Alice in Chains erinnert. Auch beim Einsetzen des Gesangs bin ich total überrascht – diesmal im positiven Sinn. Diese Stimme ist wirklich fett und muss sich in keiner Weise hinter den grossen Grungern der 90er verstecken. So ist dieser Song tatsächlich ein Highlight für mich, denn er zeigt, wohin Attrackted by Goats gehören. Als wäre dieser Song die natürliche Weide für die Geissenhorde.

Gegen Schluss wird das Album für mich allerdings zunehmend etwas generischer. Die Songs sind zwar durchweg hervorragend arrangiert und weisen der ganzen Band ein grosses Können aus, dennoch hätte ich mir gewünscht, dass der Drive vom Anfang etwas aufrechterhalten würde. Mich beschleicht mit zunehmender Dauer der CD das Gefühl, dass die Luft langsam ausgeht. Oder, dass man das Grunge Konzept nicht ganz so fest verfolgt hat, wie versprochen. So ist für mich vor Allem der letzte Song Angertear für mich eher eine Hard Rock Powerballade, die zwar mit vielen verspielten Gitarrenlicks experimentiert (und dies auch sehr glaubwürdig vermittelt), aber irgendwie das Grunge-Herz vermissen lässt.

Alles in Allem sind Attrackted by Goats tatsächlich meine neue Lieblings-Grunge Band aus der Schweiz geworden. Dieses Versprechen haben sie gehalten. Für den langen Prozess des Albums (es hat die vier Jungs immerhin vier Jahre gekostet dieses Album zu produzieren) hätte ich mir aber etwas mehr Herz, eine spürbarere Aggression in vereinzelten Songs und eine durchdachtere Platzierung der Songs gewünscht.

Fazit:

Musikalisch lässt sich kaum etwas schlechtes über Haze Hope and Hell sagen. Alle Musiker sind technisch überdurchschnittlich begabt und verstehen es ihre Talente gemeinsam auszuleben. Das Album ist sehr gut produziert und hat wenig Ecken und Kanten. Und das ist es vielleicht auch, was mich dazu bringt, das Album doch zu kritisieren. Grunge muss für mich leben. Wild, aggressiv und ungebändigt sein. Mir geht das Album phasenweise zu brav und zu «sauber» an den Start. Auch im 21. Jahrhundert muss für mich der Rotz seinen Platz haben und davon hat das Album leider etwas zu wenig für meinen Geschmack – und zu wenig, dass ich hier von einem Meisterwerk des Grunge sprechen kann.

Attracted by Goats gehören für mich nichts desto trotz zu den grossen Hoffnungen in der Schweizer Rockmusik, denn sie schaffen es, mit ihrem Stil etwas Frisches in die Musik zu bringen. Das ist aus meiner Sicht dringend erforderlich. Ich freue mich schon auf das nächste Album, mit dem sich die Geissenhorde zu den ganz Grossen hochkatapultieren könnten.

8/10 Ziegenböcke

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